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Temptations
Die (fast) unwiderstehliche Versuchung
„Jazztime“-Gala, Teil 1: „The Temptations Review feat. Damon Harris” bringt Nostalgie und Show unter einen Hut
von Claus Kohlmann
Seit Urzeiten muss der Mensch damit leben, Versuchungen ausgesetzt zu sein und ihnen widerstehen zu müssen. Das klappt manchmal recht gut, manchmal miserabel bis gar nicht. Was das mit Musik zu tun hat? Bis hierher tatsächlich gar nichts. Wenn aber eine Band sich die „Versuchung“ nennt und damit die Menschen in Versuchung bringt, diese Band sehen zu wollen, koste es, was es wolle, dann kommt man der Sache schon näher. „Jazztime“-Gala 2007, erster Teil: Angesagt wird die „Temptations Review featuring Damon Harris“ in lockerer Conferencier-Manier von Waldemar Lorenz vom ausrichtenden Cyclus 66. „Nostalgie pur“ erwarte die Zuhörer im großen Haus des Stadttheaters, das allerdings etliche Lücken in den Reihen aufweist. Das könnte an den Kartenpreisen liegen, was wieder den Bogen zur „Versuchung“ schlägt. So viel Geld hinzublättern, fällt nicht leicht. Dass dann doch so viele Menschen der Versuchung nachgegeben und den Weg ins Stadttheater gefunden haben, zeigt, dass die Musik der Temptations und dieser Zeit nichts von ihrer Wirkung und Faszination verloren hat. Das Durchschnittsalter ist zwar eher gesetzt (die große Zeit der Temptations waren die 1960er- und 70er-Jahre), doch auch viel jüngeres Publikum feiert die Kompositionen einer der stilbildenden Bands des „Motown“-Zeitalters. Nichtsdestotrotz, das Risiko, das der Cyclus mit der exklusiv für die „Jazztime“ angereisten Formation eingegangen ist, ist riesig, das größte in der 29-jährigen „Jazztime“-Geschichte. Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Formation, die an diesem Abend auf der Bühne stand, hat mit den „Temptations“ nichts gemein. Damon Harris war zwar Mitglied der Original-Formation, trennte sich aber 1975 im Unfrieden von der Band. Er ist kein offizielles Mitglied mehr, weshalb die Formation auch „The Temptations Review“ heißt. Mit Augenzwinkern könnte man aus dem „Review“ (Rückblick) aber auch eine im englischen identisch ausgesprochene „Revue“ machen. Das, was die fünf Sänger und acht Musiker dem Publikum servieren, ist zwar ähnlich angelegt wie die in der Bildenden Kunst übliche Retrospektive. Dennoch ist das Niveau der Veranstaltung nicht eindeutig zu bestimmen. Die Reaktionen nach den gut zwei Stunden voller Soulpower und (positivem) Motown-Kitsch reichen bis an beide Enden der Geschmacksskala. Von „großartig“ über „die wollte ich schon immer mal live sehen“ bis zu „Geschmackssache“ und „Touri-Animation“ ist in Auszügen vom Publikum zu hören. Der Großteil des Publikums scheint für den Eintrittspreis allerdings gut auf seine Kosten gekommen zu sein. Die Zuhörer kamen ja auch voll auf ihre Kosten. Da gibt es nichts dran zu rütteln, Damon Harris, seine vier Mitsänger und die Begleitband sind nicht nur vom Alter her musikalische Dinosaurier, sondern auch, weil sie unnachahmlich einer vergangenen Zeit wieder Leben einhauchten. Mit Esprit, Energie und Ego. Lebendig und mit viel Spaß an der Sache, vom Opener „Get Ready“ bis zu „My Girl“. Soul, wie die „Temptations“ ihn mit geprägt haben, ist ausgestorben. Diese Musikrichtung gibt es nicht mehr. Sie verkörpert  wie keine andere die Fusion aus Kitsch und (Gesangs-)Kunst. Genau das ist es, was auch die „Temptations-Review“ auszeichnet. Nicht genug damit, dass Damon Harris, dem man die überstandene Krebserkrankung ansieht, aber nicht anhört, in der Stimme immer noch den typischen Falsett-Soul hat. Der 57-Jährige lebt die Musik auf der Bühne, liebt es, dort zu stehen und liebt auch das Publikum. Das ist wohl der Grund, weshalb Harris, Henry Cooc, Darnell Carter, Robert Henley III und Roger Chapman sich zu körperlichen Höchstleistungen aufschwingen. Die Gesänge sind nahezu perfekt und haben durch die Arrangements genau den romantischen Schmelz, bei dem die Hörer-Herzen schon in den 1960er-Jahren geschmolzen sind. Unterstützt von der Band, deren famose Bläsersätze knackig und flächig in den Raum strahlten, und der Rhythmusgruppe, die immer den richtigen Beat in der Tasche hatte, gab das Sangesquintett im Rampenlicht alles. So angeheizt, ließ auch das Publikum sich zu Höchstleistungen hinreißen. Im letzten Drittel, das von einer sehr fixen Version des Megahits „Papa was a rollin' Stone“ eingenommen wurde, hielt es niemanden mehr auf seinem Sitz. Alles stand, klatschte mit und bejubelte frenetisch die Helden einer untergegangenen Epoche. Die das übrigens sichtlich genossen. Sie hatten ja auch, allen voran wieder einmal Damon Harris, ihre Seele in dieses Konzert gelegt. Und nur so kann auch Soul draus werden. Zu „Nostalgie pur“ gesellte sich „Emotion pur“. Besonders bei den langsameren Nummern musste immer wieder das Publikum ran und mitsingen oder nachsingen. Pluspunkt: So entstanden schöne und witzige Momente. Minuspunkt: Diese Publikumsbeteiligungen kamen zu oft und sie waren zu lang. Dadurch ging ein klein wenig des am Anfang aufgebauten Drucks verloren. Das Soulige aber nicht. Da die „Temptations Review“ ihr Augenmerk speziell auch auf die Show richtet, durfte die Choreographie des Chores nicht fehlen. Gut gemeint könnte man sagen, sie haben sich selbst nicht ganz ernst genommen. Genau genommen waren die Bewegungen grenzwertig. Egal ob Alter oder Jetlag oder etwas anderes, bei dem Eintrittspreis und dem Ruf, der dieser Formation vorauseilt, hätte das einen Tick besser sein können. Suboptimal waren auch die Kostüme der fünf Frontmänner. Sicherlich ist es ihnen hoch anzurechnen, dass sie kein Geheimnis aus ihrem Alter machen, aber diese zartrosa Ensembles mit roten Stickereien waren nicht gerade zuträglich für den optischen Eindruck. Zum Glück waren aber der akustische Eindruck und die Gesamtshow unterhaltend und mitreißend genug. Ob es sich gelohnt hat, dieser Versuchung nachzugeben? Da möge sich jeder sein Urteil selbst bilden.
Open Air

Open Air 2007

Es blitzt und donnert – doch bei Jazztime gehts rund
Hildesheim
(ha). Die Wetterprognosen für Pfingsten ließen so ziemlich alles erwarten. Nur nichts Gutes. Doch dann kam alles ganz anders: Blauer Himmel, Sonnenschein, kaum dass am Sonnabend die ersten Töne der gut aufgelegten Muntermacher „Cochon Bleu“ erklangen. Petrus muss ein klammheimlicher Jazzer sein, denn seine gewaltigen Regenmassen kippte er landauf, landab in anderen Teilen der Republik aus.
Aber wer konnte sich dem Charme der friesländischen Brüder Henk, Hette und André schon entziehen, die als Opener die nicht leichte Aufgabe hatten, den Platz vor dem Stadttheater zu füllen? Ihre Cajun-Musik mit Waschbrett, Akkordeon und Mandoline war dafür wie geschaffen. Die Massen strömten mit Kind und Kegel, auf der Wiese wurden Decken ausgebreitet und Klappstühle geöffnet, und an den Zapfhähnen hatten die insgesamt fast 100 ehrenamtlichen Helfer des Gastgebers Cyclus 66 alle Hände voll zu tun, um den Durst der Besucher zu stillen. Schnell ließen die Musiker, die am Vorabend schon auf dem Marktplatz gastiert hatten, ihre knallroten Uniformjacken fallen, die Idee zu ihrer Kostümierung war aus einem Joke geboren worden, als sie in einemecond-hand-Laden alte Uniformen entdeckten. Als eine gute Stunde später Hildesheims routinierte Top-Band „Blues Guys & The Guinness Horns“ auf die Bühne kam, war bereits klar: Dieser Tag wird ein Jazztime-Tag wie aus dem Bilderbuch. „Zugabe“, brüllte Matti, kaum dass die letzten Töne verklungen waren. Für die „Blues Guys“ war es bereits die elfte Jazztime, für Matti die fünfte. Keinen Tag, keine Band lässt er sich entgehen, die Guys schon gar nicht – dabei ist der kleine Mann gerade fünf Jahre alt. Was Schönes „für die Hüften“ versprach Sänger Michael Fanger und hielt Wort: Out of Africa, Rolling on the River, Lets twist again … Die Zuhörer groovten, rockten, twisteten – und hatten jede Menge Spaß. Das Angebot, sich am „Radio Tonkuhle“-Stand Ohrstöpsel zu holen, verhallte nahezu ungehört und auch die Malteser, die für alle (Not-)Fälle bereit standen, mussten nicht mehr als ein par Pflaster ausgeben. Die hinreißende Bonita hatte dennoch keine Mühe, mit ihrer kraftvollen Stimme Anschluss zu halten, obwohl sie nur von zwei Akustikgitarren, Bass und einem Mini-Schlagzeug begleitet wurde, das aus dem Fundus von „Trio“ stammen muss. Schon als Kind hatte die Kapstädterin im Kirchenchor gesungen. Aus dem flog sie raus, als sie sich einer Grunchband anschloss. Als sie als Au-pair-Mädchen nach Bremen kam, blühte sie auf: Hier konnte sie Jazz und Rock ’n‘ Roll machen, ohne in Schubladen gesteckt zu werden. Dass sie dennoch immer wieder mit Tina Turner oder Whitney Houston verglichen wird, mag sie nerven, ist aber mit Sicherheit ein Kompliment für eine großartige Musikerin, von der man noch hören dürfte. Entspannt konnten die Programmmacher Waldemar Lorenz und Achim Mennecke auch in den zweiten Tag gehen. Die Mainstream-Jazzer „Gelb“ auf der Bühne, die Farbe Blau am Himmel und im Anschluss „Jo Buddy & Down Home King II“ sorgten dafür, dass fast kein Durchkommen mehr war, als „Java Five“ aus Hildesheims Partnerstadt Halle ihren groß(artig)en Auftritt hatten. Frack, Fliege, schwarz-weiße Budapester und dazu jede Menge Pomade im Haar: Diese fünf jungen Männer sind ein Hingucker. Und hingucken musste man tatsächlich, um zu sehen, dass sie wirklich nur von einer Gitarre begleitet wurden. Die gestopfte Trompete ist  Mouth-Musik. „Es geht eigentlich ganz einfach“, sagen die begnadeten Sänger im Stil der Mills Brothers. „Aber wir verraten nicht, wie.“ Java Five hat seit einem Gastspiel übrigens jede Menge Fans in Malaysia, und nun auch in Hildesheim. Die „Dirty Dive Devils“ schafften es am späteren Nachmittag dann aber doch, mit ihrem rockigen Sound eine Wolke anzukratzen: Innerhalb von Sekunden stürzte ein Gewitterguss auf die Jazztime nieder. Und was tat das Publikum? Verkroch sich schutzsuchend unter Zelten, Ständen, Regenschirmen und Hauseingängen – und war sofort wieder da, um dem unverdrossenen Steven Steen die Stange zu halten. „Da muss ich dem Publikum wirklich ein Riesenkompliment machen“, zeigt sich Lorenz beeindruckt. Aber schließlich stand ja auch noch die Lokalmatadore „Lösekes Blues Gang“ auf dem Programm, die für viele Hildesheimer ein Muss sind. Als hätte es die Cyclus-Truppe gewusst, ließ sie in bewährter Manier die „Madison Skiffle Company“ den Montag eröffnen. Denn wer sonst als sie kann zu dieser Zeit, dazu bei Nieselregen den Platz füllen? Madison kann. Als die junge, engagierte Bigband Labiba antrat, wurden die ersten Regenschirme schon wieder geschlossen. Und mit einer ausgezeichneten Cecile Verny und „Norbert Schneider’s R&B Caravan“ als triumphalem Abschluss konnte zumindest musikalisch gar nichts mehr schief gehen. „Es brummt“, freute sich Lorenz mit Blick auf den wieder gefüllte Platz, auf dem an allein drei Tagen knapp 20 000 Zuhörer gestanden haben.
Doch nach dem Spiel ist vor dem Spiel – und der Cyclus feilt bereits am Programm zur 30. Jazztime. „Ideen haben wir schon“, sagt Lorenz, ohne sich in die Karten gucken zu lassen. Ziemlich sicher, so viel hat er dann aber doch verraten, ist ein Engagement der „Paperboys“ aus Kanada. Das macht Appetit. 20 000 Menschen feiern vor der Bühne am Stadttheater ihre Stars. Jede Menge Musik für die Ohren und die Hüften.
Hildesheimer Allgemeine Zeitung vom 29.05.2007