Open Air 2007
Es blitzt und donnert – doch bei Jazztime gehts rund Hildesheim (ha). Die Wetterprognosen für Pfingsten ließen so ziemlich alles erwarten. Nur nichts Gutes. Doch dann kam alles ganz anders: Blauer Himmel, Sonnenschein, kaum dass am Sonnabend die ersten Töne der gut aufgelegten Muntermacher „Cochon Bleu“ erklangen. Petrus muss ein klammheimlicher Jazzer sein, denn seine gewaltigen Regenmassen kippte er landauf, landab in anderen Teilen der Republik aus. Aber wer konnte sich dem Charme der friesländischen Brüder Henk, Hette und André schon entziehen, die als Opener die nicht leichte Aufgabe hatten, den Platz vor dem Stadttheater zu füllen? Ihre Cajun-Musik mit Waschbrett, Akkordeon und Mandoline war dafür wie geschaffen. Die Massen strömten mit Kind und Kegel, auf der Wiese wurden Decken ausgebreitet und Klappstühle geöffnet, und an den Zapfhähnen hatten die insgesamt fast 100 ehrenamtlichen Helfer des Gastgebers Cyclus 66 alle Hände voll zu tun, um den Durst der Besucher zu stillen. Schnell ließen die Musiker, die am Vorabend schon auf dem Marktplatz gastiert hatten, ihre knallroten Uniformjacken fallen, die Idee zu ihrer Kostümierung war aus einem Joke geboren worden, als sie in einemecond-hand-Laden alte Uniformen entdeckten. Als eine gute Stunde später Hildesheims routinierte Top-Band „Blues Guys & The Guinness Horns“ auf die Bühne kam, war bereits klar: Dieser Tag wird ein Jazztime-Tag wie aus dem Bilderbuch. „Zugabe“, brüllte Matti, kaum dass die letzten Töne verklungen waren. Für die „Blues Guys“ war es bereits die elfte Jazztime, für Matti die fünfte. Keinen Tag, keine Band lässt er sich entgehen, die Guys schon gar nicht – dabei ist der kleine Mann gerade fünf Jahre alt. Was Schönes „für die Hüften“ versprach Sänger Michael Fanger und hielt Wort: Out of Africa, Rolling on the River, Lets twist again … Die Zuhörer groovten, rockten, twisteten – und hatten jede Menge Spaß. Das Angebot, sich am „Radio Tonkuhle“-Stand Ohrstöpsel zu holen, verhallte nahezu ungehört und auch die Malteser, die für alle (Not-)Fälle bereit standen, mussten nicht mehr als ein par Pflaster ausgeben. Die hinreißende Bonita hatte dennoch keine Mühe, mit ihrer kraftvollen Stimme Anschluss zu halten, obwohl sie nur von zwei Akustikgitarren, Bass und einem Mini-Schlagzeug begleitet wurde, das aus dem Fundus von „Trio“ stammen muss. Schon als Kind hatte die Kapstädterin im Kirchenchor gesungen. Aus dem flog sie raus, als sie sich einer Grunchband anschloss. Als sie als Au-pair-Mädchen nach Bremen kam, blühte sie auf: Hier konnte sie Jazz und Rock ’n‘ Roll machen, ohne in Schubladen gesteckt zu werden. Dass sie dennoch immer wieder mit Tina Turner oder Whitney Houston verglichen wird, mag sie nerven, ist aber mit Sicherheit ein Kompliment für eine großartige Musikerin, von der man noch hören dürfte. Entspannt konnten die Programmmacher Waldemar Lorenz und Achim Mennecke auch in den zweiten Tag gehen. Die Mainstream-Jazzer „Gelb“ auf der Bühne, die Farbe Blau am Himmel und im Anschluss „Jo Buddy & Down Home King II“ sorgten dafür, dass fast kein Durchkommen mehr war, als „Java Five“ aus Hildesheims Partnerstadt Halle ihren groß(artig)en Auftritt hatten. Frack, Fliege, schwarz-weiße Budapester und dazu jede Menge Pomade im Haar: Diese fünf jungen Männer sind ein Hingucker. Und hingucken musste man tatsächlich, um zu sehen, dass sie wirklich nur von einer Gitarre begleitet wurden. Die gestopfte Trompete ist Mouth-Musik. „Es geht eigentlich ganz einfach“, sagen die begnadeten Sänger im Stil der Mills Brothers. „Aber wir verraten nicht, wie.“ Java Five hat seit einem Gastspiel übrigens jede Menge Fans in Malaysia, und nun auch in Hildesheim. Die „Dirty Dive Devils“ schafften es am späteren Nachmittag dann aber doch, mit ihrem rockigen Sound eine Wolke anzukratzen: Innerhalb von Sekunden stürzte ein Gewitterguss auf die Jazztime nieder. Und was tat das Publikum? Verkroch sich schutzsuchend unter Zelten, Ständen, Regenschirmen und Hauseingängen – und war sofort wieder da, um dem unverdrossenen Steven Steen die Stange zu halten. „Da muss ich dem Publikum wirklich ein Riesenkompliment machen“, zeigt sich Lorenz beeindruckt. Aber schließlich stand ja auch noch die Lokalmatadore „Lösekes Blues Gang“ auf dem Programm, die für viele Hildesheimer ein Muss sind. Als hätte es die Cyclus-Truppe gewusst, ließ sie in bewährter Manier die „Madison Skiffle Company“ den Montag eröffnen. Denn wer sonst als sie kann zu dieser Zeit, dazu bei Nieselregen den Platz füllen? Madison kann. Als die junge, engagierte Bigband Labiba antrat, wurden die ersten Regenschirme schon wieder geschlossen. Und mit einer ausgezeichneten Cecile Verny und „Norbert Schneider’s R&B Caravan“ als triumphalem Abschluss konnte zumindest musikalisch gar nichts mehr schief gehen. „Es brummt“, freute sich Lorenz mit Blick auf den wieder gefüllte Platz, auf dem an allein drei Tagen knapp 20 000 Zuhörer gestanden haben. Doch nach dem Spiel ist vor dem Spiel – und der Cyclus feilt bereits am Programm zur 30. Jazztime. „Ideen haben wir schon“, sagt Lorenz, ohne sich in die Karten gucken zu lassen. Ziemlich sicher, so viel hat er dann aber doch verraten, ist ein Engagement der „Paperboys“ aus Kanada. Das macht Appetit. 20 000 Menschen feiern vor der Bühne am Stadttheater ihre Stars. Jede Menge Musik für die Ohren und die Hüften. Hildesheimer Allgemeine Zeitung vom 29.05.2007