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Nachlese

Jazztime Hildesheim 2010

Wenn die Hildesheimer von Ihrer Fünften Jahreszeit sprechen, hat das weniger mit karnevalistischem Treiben zu tun. Vielmehr ist damit das größte musikalische Ereignis der Stadt, nämlich das alljährlich zu Pfingsten stattfindende Jazztime-Festival, gemeint.

Der Erfolg dieses dreitägigen Musikmarathons, der in großen Teilen als Open-Air-Veranstaltung geboten wird, ist genau aus diesem Grunde sehr stark vom Wetter abhängig.
Fragt man im Frühjahr als Tourist den Hildesheimer, wann denn mal das Wetter besser werde, erhält man zu 99 Prozent die Antwort: „Na, ganz klar, zur Jazztime!“
Und so war es auch in diesem Jahr. Nach langen und kalten Wintermonaten wollte es selbst bis Mitte Mai nicht richtig sonnig und warm werden. Am Abend, vor der geplanten Festival-Eröffnung,  schüttete es noch wie aus Kübeln.
Pünktlich am Vormittag des Pfingstfreitag stiegen die Temperaturen auf angenehme 20 Grad, und die Sonne ließ richtige Festivalstimmung aufkommen.

Die traditionelle Eröffnung auf dem Historischen Marktplatz übernahm die holländische Formation The Slampampers, die als Jazztrio nicht nur musikalisch überzeugte. Auf dem vollbesetzten Marktplatz  ließ sich das Publikum von diesen drei sympathischen Unruhestiftern erbarmungslos begeistern .
Am Pfingstsamstag, Wetter leicht wolkig aber trocken,  gaben die Slampampers als Opener vor dem Theater noch eine ordentliche Zugabe, und das Festivalgelände füllte sich zusehends.

Danach kam Uncle Earl auf die Bühne, eine reine Mädchencombo. Selbstbewusst wilderten die Damen in diversen Genres der amerikanischen Roots Musik und jagten mit ihren Fiddles und Banjos engstirnige Puristen jeglicher Färbung zum Teufel.

Als letzten Open-Air-Act präsentierten die Veranstalter, vor inzwischen mehr als 7.000 Zuschauern, die schwarze US-Sängerin Melva Houston, die Broadwaysongs mit der gleichen Überzeugungskraft zu interpretieren wusste wie die Jazzstandards von Gershwin, Ellington und Cole Porter oder Kompositionen von Thelonious Monk und Horace Silver.

Zwischenzeitlich war ein riesiger Nightliner in der Gartenstraße vorgefahren.
Candy Dulfer war da!
Ihr Auftritt in Hildesheim erforderte noch einige technische Problemlösungen. So musste kurz zuvor aus Hamburg ein spezielles Mischpult für  die Lichtanlage des Theaters besorgt werden. Aber die Investition hatte sich gelohnt. Candy Dulfer, das Konzert war seit Wochen bereits ausverkauft, lieferte eine Show ab, an der es absolut nichts auszusetzen gab.
Sie spielte Saxophon, sang und tanzte mit ihren Highheels von der einen Bühnenecke zur anderen. Mitten in einem Song wechselte sie von der Bühne in den Saal. Spätestens ab dann hielt es keinen der 600 Besucher mehr auf dem Platz. Der Saal kochte fast über. Nach jeder weiteren Nummer überschäumender Applaus…standing ovation!  Wie diese Frau das 120 Minuten (das war Hochleistungssport) durchgehalten hat…? Dann noch zwei Zugaben. Lilly was here…durfte natürlich nicht fehlen, und viel zu schnell war das Konzert vorbei.

Nach der Show bedankte sich das Team für die Superorganisation und ließ sich noch im F 1 bei der After-Show-Party blicken. Dort überraschten Seven Strings Lady Sings, eine aus zwei Duos bestehende Jazzformation, mit neuem und ungewöhnlichem Sound bis weit nach Mitternacht.

Am Pfingstsonntag gingen um 11.00 Uhr The Yala Yala Zootones trotz erkrankter Tenor-Saxophonistin als erste lokale Formation an den Start. Lisy Flämig sah wie die  Grippe in Person aus. Dennoch, sie ließ ihre Kapelle nicht im Stich und hielt wacker durch. Das Konzert war wieder mal erstklassig. Weiter so!

Ebenso druckvoll präsentierte sich danach das Ottorino Galli Gipsy Swingtett im hundertsten Django Reinhardt-Jahr. Für ein paar Stücke mit dabei, die charmante Marion Funk, die ihre Sache als Sängerin mehr als gut machte. Marion gehört im Nebenberuf  auch noch zum ehrenamtlichen Cyclus-Team.

Bevor die Italiener von Collettivo Mazzulata die Bühne enterten servierte die Musical-Company  des TfN die schönsten Ausschnitte aus dem Familienmusical "Children of Eden".

Collettivo Mazzulata war dann wohl eine DER Überraschungen des  klug und abwechslungsreich zusammengestellten Open-Air-Programms. Der italienische Jazz- und Bluesstar Gio Rossi gründete diese Formation im Jahr 2005.
Die Gruppe verband auf kunstvolle und kreative Art italienische Folklore mit Zydeco, Country, Blues, Jazz, Latin und ließ dabei sogar Hip Hop Arrangements in italienischem Sound erklingen.

Inzwischen gab es auf dem Vorplatz und den angrenzenden Wiesen kein Durchkommen mehr. Schätzungsweise zehn- bis zwölftausend Menschen warteten auf ihre Lokalmatadoren. Und dann war es soweit. B. B. & The Blues Shacks verteilten kurz vor der Show noch jede Menge USB-Sticks mit Studio Video und Song von der dato noch nicht im Handel befindlichen CD London Days.
Die Sticks wurden vom Sicherheitshaus KÜHN gesponsert, die Lanyards wurde freundlicherweise durch Hildesheim Marketing zur Verfügung gestellt.
Und dann ging die Post ab. Die Shacks lieferten, verstärkt durch den Background-Chor, The Shackettes, eine einzigartige Vorstellung  ab. Prädikat 5 Sterne!

Hinter den Kulissen, im Theater, begannen schon gegen 17.00 Uhr die Vorbereitungen für den Auftritt des unbestrittenen Gitarrengottes Al di Meola, der mit seinem neuen Projekt, New World Sinfonia, in Hildesheim vor ausverkauftem Haus Station machte. Auch für dieses Konzert mussten umfangreiche technische Anforderungen erfüllt werden. Dank der umsichtigen Backstage-Crew war der als etwas sensibel bekannte Al selbst total entspannt. Ein etwas zu lang ausgedehnter Soundcheck sorgte dann aber auch für ein Gitarrenerlebnis der besonderen Art!

Im F 1 gab es dann noch ein totales Kontrastprogramm. Nach dem anstrengenden Tage spendierten Dana & Amuse The Queen nicht nur den gestressten Veranstaltern Schokolade für die Seele.

Umsonst und draußen gings dann am Pfingstmontag ab 10.00 Uhr in die letzte Runde.  Die Madison Skiffle Company, sie hatten die undankbare Aufgabe zu früher Stunde Publikum zu locken, machte ihrem Ruf als Hildesheims Fröhlichmacher No. 1 alle Ehre. Kompliment! Auf Eure Fans ist Verlass!

Danach Sistergold, eines der wenigen wirklich guten Saxophon Quartette. Lisy Flämig (die Grippe in Person), die in dieser Formation Alt spielt, war halbwegs genesen. Mit ausgesprochener Kreativität und Ensemblegeist spielten dann Inken Röhrs (Sopran), Elisabeth Flämig (Alt), Sigrun Krüger (Tenor) und Kerstin Röhm (Bariton) bekannte swingende Jazztitel, groovigen Funk und wunderschöne Balladen in ausgefeilten Arrangements.

Irgendwie ist dann etwas schiefgegangen. Während Jamaram, die bekannteste deutschen Ska- und Reggae-Formation, ihren Soundcheck machte zogen dunkle Wolken am Horizont auf, die so gar nicht zur bevorstehenden Musik passen wollten. Und das Unheil nahm noch während des Konzertes seinen Lauf…! Ein Unwetter, wie es selbst alte Jazztime-Hasen lange nicht erlebt hatten. Regen, Hagel und starker Wind. Als ob der Himmel seine Schleusen geöffnet hatte.
Die Jungs von Jamaram ließen sich dadurch aber nicht beirren. Tapfer wurde weitergespielt. Selbst auf das Risiko für die Instrumente hin. Und das Publikum blieb vor der Bühne stehen. Irre…, unglaublich! Publikum und Band, an euch ein SuperSuper-Kompliment!!! Nach einer halben Stunde war der Wetterspuk vorbei, und die Jamaram-Jungs holten mit ihrem Sound die Sonne zurück.

Zum Abschluss der Veranstaltung dann Sven Zetterberg & Trickbag, eigens für die Jazztime Hildesheim aus Schweden eingeflogen. Der Gitarrist, Sänger und Harp-Spieler Zetterberg gilt als einer der renommiertesten Blues- und Soul-Künstler. Mit unglaublicher Energie und explosivem houserockin´ Rhythm & Blues verwandelte diese Band den Theatervorplatz noch mal in einen Hexenkessel. Ein würdiger Abschluss der Jazztime Hildesheim 2010, die vermutlich die musikalisch abwechslungsreichste in ihrer Geschichte gewesen ist.

Der Cyclus 66 e. V. Hildesheim bedankt sich bei seinen Sponsoren und allen Anderen, die zum Gelingen dieser tollen Veranstaltung beigetragen haben. Besonderer Dank an alle Helfer die auf- und abgebaut haben, an die, die an den drei Tagen für das Wohl der Gäste gesorgt haben und natürlich an die Pin-Kids. Ihr wart wieder superklasse!
Ganz großer Dank an das Publikum, ohne Euch macht es uns auch keinen Spaß. Ihr seid unsere Motivation!
Wir sehen uns bei der Jazztime Hildesheim 2011, vom 10. – 13. Juni 2011.